GEORG BIRON

Schriftsteller aus Wien


Interview mit Georg M. Biron

Von: Aveleen Avide

 

"Für Hobbys habe ich keine Zeit!"

 

Georg M. Biron: Von der Sozialbausiedlung zum Schriftsteller. In die Ost-Staaten kam er durch den Chef eines Reisebüros, dessen Freundin er gevögelt hat, sagt er im Interview. Er hat mit einer Nutte in Florenz gelebt und für den "Playboy" Geschichten geschrieben. Elfriede Jelinek hat er in einen Schrank gesperrt. Warum? Das ist spannend!

 

Georg M. Biron ist Schriftsteller, Journalist, Drehbuchautor, Schauspieler, Regisseur und Kulturproduzent. Er hat Jura und später Publizistik studiert.

Georg M. Biron wurde am 18. Oktober 1958 in Wien geboren, wo er auch heute lebt. Was er alles in seinem Leben gemacht hat, werde ich nur anreißen können. Laut Wikipedia, falls das stimmt, wurdest du in einer Sozialbausiedlung geboren, kamst dann auf das Bundesrealgymnasium. 1977 hast du deine Matura gemacht. Sozialbausiedlung und dann Gymnasium. Das schafft doch sicher kaum jemand. Was hat dich herausgebracht?

GEORG M. BIRON:
Nun, ich hatte sicher auch eine Menge Glück. Erstens war ich das einzige Kind meiner Eltern, beide sind arbeiten gegangen und haben bescheiden gelebt, zweitens kam die sozialdemokratische SPÖ nach den Wahlen 1970 in Österreich an die Macht, und Bundeskanzler Bruno Kreisky setzte als eine von vielen Modernisierungsmaßnahmen z.B. Schülerfreifahrten mit den Öffis und kostenlose Schulbücher durch. Dadurch konnten in den 1970er Jahren sehr viele Kinder in Österreich höhere Schulen besuchen, die noch ein paar Jahre davor ausschließlich den Wohlhabenden vorbehalten waren.

AVELEEN AVIDE:
Bereits 1975 hattest du deine erste Veröffentlichung (Wow!!) und 1977 warst du Autor und Mitherausgeber von "Frischfleisch und Löwenmaul", also bevor du deine Matura hattest ...

GEORG M. BIRON:
Ich habe bereits mit elf Jahren begonnen, Kurzgeschichten und Gedichte zu schreiben, zur großen Verwunderung meiner Eltern wollte ich weder Feuerwehrmann noch Astronaut werden, sondern Schriftsteller und Filmemacher. Das habe ich auch in einem Aufsatz im Gymnasium geschrieben, und die junge Deutschlehrerin, die ich hatte, fand das außergewöhnlich und schickte ein paar Texte von mir an das staatliche österreichische Literatur- und Kulturmagazin „Neue Wege“.

Dort saß damals der Schriftsteller Peter Henisch in der Redaktion, der mir zur ersten Veröffentlichung und zu meinem ersten Texthonorar verhalf. Ich weiß noch: Es war ein unglaubliches Gefühl, mein Gedicht und meinen Namen gedruckt zu sehen – und dafür auch noch ein bisschen Geld zu bekommen.

AVELEEN AVIDE:
Zwischen 1977 und 1979 warst du als Reiseleiter in Ungarn, Polen, in der DDR, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion unterwegs. Das waren ja Länder, die als sehr abenteuerlich, wenn nicht sogar als gefährlich, gegolten haben. Warum hat es dich dorthin gezogen?

GEORG M. BIRON:
Ich war als Teenager ab 1975 Mitglied der kommunistischen Partei KPÖ, ich war ein richtig romantisch verklärter Revoluzzer, der sehr viel Heinrich Heine und Charles Bukowski las, bevor ich im Herbst 1979 mit viel Tam-Tam aus der KPÖ ausgeschlossen wurde, weil ich einen kritischen Artikel über den Kommunismus und über die Sowjetunion im „Spiegel“ veröffentlicht hatte, was damals für viel Aufsehen sorgte.
Dass ich davor zwei Jahre lang regelmäßig als Reiseleiter in diversen Oststaaten unterwegs war, die zwar abenteuerlich, aber nicht gefährlich waren, hatte jedoch nur am Rand mit politischen Überzeugungen zu tun. Ich kannte den Chef einer Reiseagentur, der Touren zwischen Ost-Berlin und Wladiwostok verkaufte – und der hat mir diesen aufregenden Job angeboten. Er war ein ehemaliger Häftling aus dem KZ Dachau, der in vielen Dingen psychisch schwer beschädigt war und gerne dabei zugeschaut hat, wenn ich in seinem Wohnzimmer meine Freundin gevögelt habe.

Dafür war er sehr dankbar, und ich war dafür dankbar, dass ich all diese entlegenen touristischen Destinationen kennen lernen durfte. Dass er während meiner Abwesenheit dann meine Freundin gevögelt hat, war aber nicht ausgemacht.

AVELEEN AVIDE:
Du warst in der alternativen Kulturszene unterwegs. Da liest man so bekannte Namen wie Elfriede Jelinek. Dann kennst du sie also schon ganz lange? Sozusagen als junge Frau. Habt ihr noch Kontakt?

GEORG M. BIRON:
Elfriede Jelinek hatte eine große Nähe zur kommunistischen Partei und las – genau wie ich – bei diversen Kulturveranstaltungen der KPÖ aus ihren Texten vor. Ich saß z.B. beim Wiener „Volksstimmefest“ mehrmals mit ihr gemeinsam auf dem Podium. Sie ist ja zwölf Jahre älter als ich, eine sehr schöne und feinstoffliche Erscheinung, sie war aber immer sehr viel schüchterner und reservierter als ich, sie hat sich intensiv für Sadomasochismus und Mode interessiert, was nicht unbedingt meine zentralen Lebensthemen sind, aber es war immer eine spannende Begegnung, mit ihr im Café zu sitzen und dieses oder jenes zu diskutieren.

Ich habe 1985 mit ihr ein großes Interview für „Die Zeit“ gemacht, das als eines der offenherzigsten Interviews gilt, das die Elfriede Jelinek je gegeben hat. Mittlerweile sehe ich sie leider sehr selten, wir laufen uns vielleicht einmal im Jahr zufällig in der Innenstadt von Wien über den Weg. Aber ich sehe seit Jahren ihre Theaterstücke und lese ihre Texte und habe mich sehr darüber gefreut, als sie 2004 den Literaturnobelpreis bekam.

Ich werde aber nie die Party in den 1970er Jahren vergessen, bei der ich dabei sein durfte. Ein paar Künstler haben sich damals gründlich angesoffen, auch die junge Jelinek war dabei, wenn auch nüchtern, und plötzlich hat es an der Türe geläutet, und die eifersüchtige Freundin eines Künstlers stand keifend vor der Tür. Sie durfte die Jelinek nicht sehen, also hat sich die Jelinek im Kleiderschrank versteckt, und wir haben hinter ihr abgesperrt.

Die Freundin kam tobend rein, schaute sich in der Wohnung um und war beruhigt, weil keine weibliche Konkurrenz anwesend war. Dann haben wir gemeinsam die Wohnung verlassen und sind zum Naschmarkt gegangen, um dort weiter zu saufen. Erst später ist uns aufgefallen, dass wir die Jelinek im Schrank vergessen haben. Einer von uns ist dann zurück in die Wohnung gegangen, um sie zu befreien. Es war sicherlich ein weiter Weg von diesem Kleiderschrank zum Nobelpreis ...

AVELEEN AVIDE:
1982 bist du nach Florenz übersiedelt. Wie lange hast du dort gelebt? Was hat dich an Florenz gereizt?

GEORG M. BIRON:
Ich war von Herbst 1981 bis Frühjahr 1982 beim österreichischen Bundesheer und habe meinen Präsenzdienst abgeleistet. Danach brauchte ich eine Auszeit, und eine Freundin von mir lebte seit kurzem in Florenz und ging dort anschaffen. Wir telefonierten, und sie sagte: „Komm zu mir!“ Sie hatte eine kleine Wohnung, direkt bei den Uffizien im Zentrum, und sie war eine begehrte und gut bezahlte Nutte, weil sie eine Frau war. Damals gab es auf dem Strich von Florenz nämlich fast nur Ladyboys und kaum Frauen.

Ich schrieb meine Storys für den deutschen „Playboy“, und sie machte das, was sie am besten konnte, danach waren wir in den besten Lokalen der Stadt unterwegs, haben Steaks gegessen, Rotweine getrunken und junge Touristinnen und Touristen abgeschleppt. Es war ein sündhaft schöner Ausflug in die Verantwortungslosigkeit.

AVELEEN AVIDE:
Später warst du in Mittelamerika. Du hast Reportagen über den Bürgerkrieg in Guatemala und über die Contra-Bewegung in Nicaragua gemacht. Was zieht einen sehr künstlerischen Menschen zu solch schaurigen Weltgeschehen? Als sensibler Mensch muss man doch durch die Hölle, bei solchen Erlebnissen, die auch noch grausame Wahrheit sind. Wie hast du das verarbeitet?

GEORG M. BIRON:
Meine Florentiner Freundin hat sich einen Millionär geangelt und ging mit ihm nach Los Angeles. Ich hatte etliche Literaturpreise und Kunststipendien erhalten, verdiente mit meinen Storys für „Playboy“, „Penthouse“, „Cosmopolitan“, „Esquire“ u.a. gutes Geld, ich war auf der Suche nach neuen Herausforderungen.

In Wien und München waren die Leute mit ihren Lacoste-Hemden und den Surfbrettern auf ihren VW Golfs, vor allem aber mit ihren Karrieren beschäftigt. Diese aufgekratzte Spießigkeit schien mir damals kein guter Stoff für Literatur und kein spannendes Lebensumfeld zu sein, und dann habe ich im Kino den Film „Under Fire“ über Kriegsberichterstatter in Lateinamerika gesehen, und zum 25. Geburtstag schenkte mir ein Freund den Malcom-Lowry-Roman „Unter dem Vulkan“, der in Mexiko spielt. Wenig später war ich in Mexiko und in Belize unterwegs und kriegte dort mit, dass israelische (!) Jets in Honduras stationiert waren und im Auftrag der USA Angriffe gegen die Sandinisten in Nicaragua flogen.

Mir gelang es damals, zu einem geheimen Luftwaffenstützpunkt in Honduras vorzudringen und Fotos von den Jets mit dem David-Stern zu machen – das war eine Story, die in Europa kaum jemand für möglich hielt. Die ganze Region war damals instabil. Die Situation in Guatemala eskalierte, weil die Militärdiktatur unter Präsident Efrain Rios Montt 10.000 Indios abschlachtete. Auch in El Salvador wurde ein Krieg gegen die eigene Bevölkerung geführt. Die USA besetzten die Insel Grenada – es gab also jede Menge zu berichten. Und ich hatte Glück: Ich überlebte. Es war wohl eine Mischung aus Männlichkeitswahnsinn und Todessehnsucht, falsch verstandener Romantik und irrwitziger Abenteuerlust, die mich damals in diese Gegenden brachte.

AVELEEN AVIDE:
Afrika, Asien und Naher Osten ... Sag mal, konntest du diese Sprachen alle oder wie hast du dich verständigt und hast du auch über diese Länder berichtet und wenn ja, was waren da die Themen?

GEORG M. BIRON:
Mit fremden Sprachen kann man vieles erleben – vor allem wenn man sie nicht beherrscht. Ich habe ja nur Englisch und Latein wirklich gelernt, habe mir aber relativ schnell die „Basics“ in Spanisch, Italienisch, Französisch, Russisch oder Griechisch beigebracht. Meistens habe ich den ersten Tag in einem fremden Land im Hotelzimmer verbracht und habe mir im Fernsehen die Kindersendungen in der Landessprache angeschaut. Dabei kann man sehr viel lernen. Und manchmal kann auch „das Feeling“ und eine Flasche Wodka bei der Kommunikation behilflich sein: Ich habe mich in Paris einmal mit einem Iraner über Quantenphysik unterhalten, und es gab keine Verständigungsschwierigkeiten. Was die Storys betrifft: Als „Freelancer“ muss man sich Themen und Destinationen suchen, die noch nicht überall ausgeschlachtet worden sind und daher einen gewissen Marktwert haben.

Ich habe viele literarische Reisereportagen verfasst, das war früher noch eher möglich als heute, weil die Magazine größere Redaktionsbudgets hatten und sich solche Storys, bei denen Kosten für Reisen, Unterkunft und Verpflegung angefallen sind, leisten konnten. Ich habe dann auch Kurzgeschichten geschrieben, die in verschiedenen Ländern spielten, bin mit meinem Tonbandgerät gereist und habe zusätzlich Features fürs Radio gemacht, später dann auch Videoproduktionen fürs Fernsehen oder für Web-Portale. Das Image des Reiseschriftstellers, der die Welt bereist und seine Erfahrungen zu Papier bringt, ist völlig veraltet.

Unterm Strich geht es immer ums Geld: Wie kann man eine Reise finanzieren und wer kauft einem die Story ab? Das ist übrigens bei Kriegsberichten genau so. Doch natürlich kann man Erlebnisse, die man auf Reisen hat, in Romane oder Erzählungen einbauen. Das habe ich immer getan.

AVELEEN AVIDE:
Mit 22/23 Jahren hast du 1981 vom PEN-Club Liechtenstein einen Preis erhalten. Wow! War das für dich damals etwas Besonderes oder hast du gedacht ... "Na ja"?

GEORG M. BIRON:
Na klar habe ich mir gedacht: Wow! Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass der Preis auch eine finanzielle Seite hat, denn damals war ich grad beim Militär und hatte extrem wenig Geld. Doch es gab bloß eine hübsche Urkunde und ein Buch über die Geschichte des PEN Clubs.

AVELEEN AVIDE:
Wann kamst du zum Drehbuch schreiben?

GEORG M. BIRON:
Das Medium Film war immer faszinierend für mich. Man kann’s wahrscheinlich keine normale Kindheit nennen, wenn man mit acht Jahren den ersten Teil von Goethes “Faust” auswendig kann (und zwar alle Rollen), mit elf Jahren seinen ersten Roman schreibt (glücklicherweise ist das Manuskript verschollen) und mit 14 die Filme von de Sica, Fellini und Lelouch verehrt. Und die Susanne aus dem Nebenhaus – was erste Produktivitätsschübe in Sachen Lyrik auslöste.

Mit 16 und 17 muss man plötzlich Anzug und Krawatte tragen, weil man die ersten Literaturpreise erhält, es folgt der „Theodor Körner Preis für Literatur“ und die ersten Überheblichkeiten. Die Studienrichtungen Jus, Publizistik und Theaterwissenschaften erweisen sich als Irrtum, und dann stellt sich die große amerikanische Frage: „Wo ist das Geld?“ Z. B. in der Welt der Zeitungen. Aber was hat das alles mit de Sica, Fellini und Lelouch zu tun? Nix! Eben.

Das Handwerk des Drehbuchschreibens will erlernt werden. Am besten bei den Amis, weil das können die zumindest in der Theorie am besten. Also: Auf nach Hollywood, eigenes Geld in die Hand nehmen, an teuren Workshops teilnehmen und dabei sehr viel lernen. Nach ersten Büchern für Kurzfilme für ORF und Bayerischer Rundfunk wurde von Regisseur Peter Patzak für das ZDF meine Erzählung „Waikiki“ für das Hauptabendprogramm verfilmt, und am Drehbuch durfte ich mitschreiben. Kein schwaches Debüt, immerhin folgten eine Nominierung beim Grimme-Preis und danach zehn abwechslungsreiche Jahre mit Patzak.

Neben verschiedenen Drehbüchern für Fernsehfilme gab es einen Job bei RTL für ein Serienkonzept, Drehbücher für das ORF-Magazin „Schöner leben“, Einsätze als Script-Doctor bei den Drehbüchern von Kollegen und etliche Seminare und Workshops, in denen ich das Theoretische des Drehbuchschreibens für die Studenten zur Praxis werden ließ. Gut Ding braucht eben Zeile.

Aber: Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte. Und zwischen diesen beiden Extremen entsteht vielleicht irgendwo ein guter Film. Ein Film fürs TV. Ein Film fürs Kino. Eine Doku. Oder auch eine P.R.-Produktpräsentation.

AVELEEN AVIDE:
Du schreibst auch Theaterstücke. Kann man automatisch ein Theaterstück schreiben, wenn man ein Drehbuch schreiben kann? Oder erleichtert es das nur?

GEORG M. BIRON:
Als Theaterautor sehe ich mich weniger, obwohl ich ein paar Theaterstücke geschrieben habe, die auch aufgeführt worden sind, beim Publikum und bei der Kritik aber nicht auf sehr viel Gegenliebe gestoßen sind.

Beim Film kann man zack-zack in der Zeit hin und her springen und binnen weniger Minuten rund um die Welt hüpfen, wenn z.B. eine Szene in Tokyo und die nächste in Berlin spielt. Um das für eine Bühne zu realisieren, bräuchte es eine andere Form von Theater. Aber ich inszeniere gerne Stücke von anderen Autoren, wie ich es zuletzt von Wolfgang Bauer („Massaker im Hotel Sacher“), Werner Schwab („Planet Schwab“) oder Karl Schönherr („Der Weibsteufel“) getan habe. Die Arbeit mit einem Schauspielensemble kann wunderschön sein. Vielleicht lässt man mich ja irgendwann auch einmal bei einem Kinofilm Regie führen ...

AVELEEN AVIDE:
Welche Hobbys/Leidenschaften hast du noch?

GEORG M. BIRON:
Für Hobbys habe ich keine Zeit. Ich habe seit Jahren einen Sohn, den ich täglich sehe und mit dem ich so viel Zeit wie möglich verbringe. Meine Leidenschaft sowohl im Leben als auch in vielen Texten gilt der Neosexuellen Revolution und ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft.

AVELEEN AVIDE:
Wenn du verreist, wo reist du gerne hin und was ist dir an einem Urlaubsort wichtig?

GEORG M. BIRON:
Es gibt eine kleine griechische Insel, einen langen Strand in Mexiko, ein Urwalddorf auf Bali und einen Gasthof in der Steiermark - das sind für mich wunderbare Urlaubsorte. Mehr wird nicht verraten ;-)

AVELEEN AVIDE:
Was liest du zurzeit? Und wenn du liest, welche Genres liest du am liebsten?

GEORG M. BIRON:
Ich schreibe sehr viel, daher komme ich nicht mehr so viel zum Lesen wie in früheren Jahren. Derzeit habe ich drei Bücher, in denen ich zwischendurch immer wieder lese: Michel Onfray: „Im Namen der Freiheit. Leben und Philosophie des Albert Camus“; James Ellroy: „Der Hilliker-Fluch. Meine Suche nach der Frau“ und Aveleen Avide: „Grenzenlose Lust. Erotische Geschichten vom Reisen“.

AVELEEN AVIDE:
Die angesprochene Autorin ist geplättet?

AVELEEN AVIDE:
Was ist schreiben für dich?

GEORG M. BIRON:
Arbeit, Therapie, Lustgewinn.

 

GEORG M. BIRON: In „Quasi Herr Karl“ geht es lt. Amazon.de um:
"Der Herr Karl" - Helmut Qualtingers berühmteste Schöpfung genau unter die Lupe genommen.
2011 jährte sich der Todestag von Helmut Qualtinger zum 25. Mal, die Erstausstrahlung seines berühmtesten Stücks zum 50. Mal. Anlass für den Qualtinger-Bewunderer Georg Biron, sich diesem einzigartigen, von vielen als Inbegriff der "österreichischen Seele" betrachteten Text von allen Seiten zu nähern. In Quasi Herr Karl erklärt er, wie das Fernseh- und Bühnenstück entstand, auf welche Vorlagen die Schöpfer dieser Figur zurückgriffen und wie sie gleichzeitig zum Segen und Fluch der Autoren wurde. Untrennbar verbunden mit dem enormen Erfolg der zugleich geliebten wie gehassten Kultfigur sind die Karriere und das Leben von Helmut Qualtinger selbst: Der "Herr Karl" wurde die nächsten fünfundzwanzig Jahre zum Maßstab aller seiner weiteren Werke. Als Qualtinger endlich seinen internationalen Durchbruch als Schauspieler in "Der Name der Rose" an der Seite von Sean Connery erreicht hatte, starb er. Georg Biron gelingt es, in Quasi Herr Karl ein umfassendes und einfühlsames Bild des beeindruckenden und unvergesslichen Schauspielers, Autors und Kabarettisten zu zeichnen.

Hier finden Sie weitere Informationen:
Quasi Herr Karl: Helmut Qualtinger - Kultfigur aus Wien

AVELEEN AVIDE:
Wie kamst du auf die Idee zu „Quasi Herr Karl“?

GEORG M. BIRON:
Ich habe Helmut Qualtinger schon sehr früh bewundert und durfte ihn dann in den 1980er Jahren auch persönlich kennen lernen. Als er 1986 starb, bekam ich den Auftrag, gemeinsam mit seinem Jugendfreund Michael Kehlmann eine Bildbiographie für den Verlag Kremayr&Scheriau zu verfassen. Das ist ein schönes Buch geworden, war aber keine richtige Biographie, weil sehr viele Facetten fehlten.

2008 habe ich „zum 80er“ von Qualtinger ein Lese-Programm mit den besten Texten zusammengestellt und in der Folge an mehreren Theatern gemeinsam mit den Schauspielern Karlheinz Hackl, Karl Merkatz, Hanno Pöschl, Robert Reinagl, Katharina Stemberger und Erwin Steinhauer Texte von Qualtinger vorgetragen.

Dabei kam mir die Idee zum Buch „Quasi Herr Karl“, ich habe es 2010 dem Braumüller Verlag vorgeschlagen, und im Herbst kam das Buch auf den Markt und war auf Anhieb in den Bestenlisten – allerdings nur in Österreich, weil der Verlag in Deutschland zu wenig Potenz hatte.

Quatlinger findet man auch auf youtube: http://www.youtube.com/watch?v=RfLYWZ4uFrs

AVELEEN AVIDE:
Wie gingst du an den Plot für „Quasi Herr Karl“ heran? Könntest du uns ein Beispiel für deine ersten Überlegungen zur Handlung von „Quasi Herr Karl“ geben?

GEORG M. BIRON:
Ich arbeitete mit einem Zettelkasten und mit kleinen Zetteln. Ich schrieb in Stichworten alle möglichen Anekdoten, Arbeiten für Film, TV und Bühne und Privates auf diese Zettel und ordnete sie bestimmten Jahren und Themen zu. Allmählich entstand eine Struktur, die das Buch haben sollte. Ganz am Schluss dachte ich mir, dass man die Leser in die Zeit zurück führen muss, in der das Stück „Der Herr Karl“ Premiere hatte – also ins Jahr 1961.

Deshalb führte ich in geraffter Form wichtige Ereignisse und Kleinigkeiten aus diesem Jahr an, um das Bühnenbild für die Ereignisse zu schaffen: 1961 beträgt die Gesamtzahl der Weltbevölkerung 3,08 Milliarden Menschen (1,54 Milliarden Männer und 1,53 Milliarden Frauen ). In Hollywood werden die begehrten Oscars vergeben – an den Film „Das Appartement“ und seinen Regisseur Billy Wilder, an Burt Lancaster für seine Darstellung in „Elmer Gantry“ und an Elizabeth Taylor für ihr Spiel in „Telefon Butterfield 8“. Die besten Nebendarsteller sind Peter Ustinov („Spartacus“) und Shirley Jones („Elmer Gantry“). Elvis Presley ist mit seinem Lied „Are You Lonesome Tonight?” für sechs Wochen Nummer eins in der amerikanischen Hitparade, und Peter Alexander ist mit der Cover-Version davon „Bist du einsam heut' nacht?“ in Deutschland in den Charts.

Atomwaffengegner marschieren bei „Ostermärschen“ in der Bundesrepublik gegen die atomare Aufrüstung. Für Nahrungsmittel steht den Menschen mehr Geld als früher zur Verfügung. Der Verbrauch von Fleisch, Milch, Eiern und Butter steigt. Immer öfter wird zu Tiefkühlkost gegriffen, die zwar teurer ist als frische Ware vom Markt, aber schneller zubereitet werden kann. Gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann endet in Jerusalem der Prozess wegen des Völkermordes an den europäischen Juden mit der Todesstrafe.

Eine vom US-Geheimdienst CIA geplante Invasion von 1.500 Exil-Kubanern in der Schweinebucht auf der von den Revolutionären rund um Fidel Castro und Ernesto Che Guevara übernommenen Karibikinsel Kuba scheitert. Marilyn Monroe spielt (nach einem Drehbuch von Ex-Ehemann Arthur Miller) in John Hustons Film „Misfits – Nicht gesellschaftsfähig“ an der Seite von Clark Gable. Es ist ihr letzter Film. Der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin startet mit einer Wostok-Rakete als erster Mensch ins Weltall und umrundet die Erde in 108 Minuten. Das erste deutsche Atomkraftwerk im bayrischen Kahl geht nach drei Jahren Bauzeit ans Netz.

Beim Großen Preis von Italien verunglückt der deutsche Rennfahrer Graf Berghe von Trips tödlich. Dabei sterben am Streckenrand auch 15 Zuschauer. Der von Depressionen und Alkoholismus geplagte Literaturnobelpreisträger Ernest Hemingway erschießt sich mit einem Gewehr in seinem Haus in Ketchum, USA. Das Brandenburger Tor, ein stark frequentierter Grenzübergang zwischen Ost- und West-Berlin, wird von der DDR geschlossen. Der Bau der Berliner Mauer beginnt. Der deutsche Kanzler Konrad Adenauer fordert Atomwaffen für die Bundeswehr und wird daraufhin zum vierten Mal als Kanzler gewählt.

US-Präsident John F. Kennedy beendet die Rassentrennung in den USA. Der 19jährige schwarze Boxer Cassius Clay startet eine Profikarriere und siegt in acht Kämpfen, davon sechs durch K.O. Die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann veröffentlicht ihr Buch „Das dreißigste Jahr“. Die USA beginnen sich als Militärberater in Vietnam zu engagieren. Nach Tausenden Fällen von Missbildungen bei Neugeborenen wird das von der Firma Grünenthal GmbH auf den Markt gebrachte Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan vom Markt genommen. Das Ehepaar Betty und Barney Hill erzählt, sie seien von Außerirdischen entführt und in einem UFO etlichen Tests und auch chirurgischen Eingriffen unterzogen worden.

In Afrika wird Patrice Lumumba, der Führer der Unabhängigkeitsbewegung des Kongo, ermordet. Hinter der Tat stehen Geheimdienstmitarbeiter aus Belgien und den USA. Sissi-Darstellerin Romy Schneider gibt in Luchino Viscontis Episodenfilm „Boccacio 70 – Der Job“ eine Hure und schockiert damit ihre Fangemeinde. In Honolulu, Hawaii, wird Barack Obama geboren. Im Königreich Laos sorgt der Bürgerkrieg zwischen den Regierungstruppen und den Kommunisten für eine ernste internationale Krise. Im Juni 1961 blickt die ganze Welt auf Wien: Ein Gipfeltreffen des sowjetischen Führers Nikita Chruschtschow und des jungen amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy widmet sich dem „Kalten Krieg“. Außenminister Bruno Kreisky freut sich über das internationale Ansehen und die „Aufwertung des Begriffs der österreichischen Neutralität“. Die USA lehnen die Forderung nach einem Abzug der Westmächte aus West-Berlin ab. Das Treffen endet ohne Resultat. Jackie Kennedy besucht die Porzellanmanufaktur Augarten und die Spanische Hofreitschule. Die USA und die Sowjetunion nehmen ihr Atomtestprogramm wieder auf. Papst Johannes XXIII. verkündet die Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils.

AVELEEN AVIDE:
Wie viele Manuskripte musstest du versenden, bevor dein erstes Buch veröffentlicht wurde und wie kam es letztendlich zur Veröffentlichung?

GEORG M. BIRON:
Mein erstes Buch, der Roman „Höchste Zeit“, mit dessen Manuskript ich den Theodor Körner Preis für Literatur gewonnen hatte, wurde von zehn Verlagen in Österreich, Deutschland und der Schweiz abgelehnt, bevor ich ihn im Eigenverlag herausbrachte.

AVELEEN AVIDE:
Wie muss man sich einen Tag in deinem Leben vorstellen, wenn du an einem Roman/Drehbuch/Theaterstück arbeitest?

GEORG M. BIRON:
Ich schlafe bis 10.00 Uhr, dann checke ich meine Post und die Emails, mittags nehme ich einen Brunch im Gasthaus und lese dabei die Tageszeitungen, nachmittags habe ich Termine und Telefonate und beantworte Briefe, Emails und Autogrammwünsche, zwischen 17.00 und 22.00 Uhr widme ich mich meinem Sohn, und von 23.00 bis 04.00 oder auch 05.00 arbeite ich an meinen Texten. Hin und wieder verbringe ich die Zeit zwischen 23.00 und 04.00 auch mit Freundinnen und Freunden.

AVELEEN AVIDE:
Wo schreibst du am liebsten?

GEORG M. BIRON:
In meiner Küche neben der Espressomaschine.

AVELEEN AVIDE:
Hörst du auch Musik beim Schreiben und falls Ja, welche, oder brauchst du absolute Stille?

GEORG M. BIRON:
Unterschiedliche Storys entstehen manchmal mit Musikbegleitung, dabei fließt der Rhythmus der Musik auch in den Sprachrhythmus ein. Meistens höre ich die Rock-Klassiker aus den 1960er und 1970er Jahren, hin und wieder auch Jazz von Chet Baker und Miles Davis, ganz selten Mozart oder Bach. Sexszenen schreibe ich nachts in absoluter Stille.

AVELEEN AVIDE:
An welchem Buch arbeitest du derzeit und darfst du schon ein wenig darüber verraten?

GEORG M. BIRON:
Ich bin gerade dabei, ein Buch zu vollenden, das 23 Kurzgeschichten umfasst, die in Wien spielen. Es sind Begegnungen von Menschen, die an ganz bestimmten Punkten der Stadt aufeinander treffen. Die Storys sind so angelegt, dass sie kurze Filme im eigenen Kopfkino entstehen lassen. Das Buch trägt den Arbeitstitel „Hai Society“ und erscheint 2014 im österreichischen Echomediaverlag.

AVELEEN AVIDE:
Welchen Tipp hättest du für angehende Autoren, die einen Roman/Theaterstück/Drehbuch veröffentlichen möchten?

GEORG M. BIRON:
Ich kann keine Tipps geben und hätte als junger Dichter wahrscheinlich auch keine Tipps von anderen angenommen. Ich stelle mir oft die Frage, ob es nicht sinnvollere Dinge im Leben gibt, als in Einzelhaft zu sein und Texte zu produzieren. Wenn man aber glaubt, diesen Weg gehen zu müssen, sollte man ihn gehen, regelmäßig schreiben und die Texte publizieren oder zumindest vor einem Publikum vortragen, um die Tragfähigkeit der eigenen Produktion zu hinterfragen.

AVELEEN AVIDE:
Georg, vielen Dank für das Interview.

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22.11.2013

 

 

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